Lokale Reparaturförderung in der Praxis: Bericht der “Reparaturstadt”-Konferenz in Kiel

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Von Alena Romanova und Katrin Meyer

Konferenz Reparaturstadt am 24. und 25. Mai

Wie können Kommunen Reparaturstrukturen stärken? Diese Frage wurde im Rahmen der zweitägigen Konferenz "Reparaturstadt: Möglichkeiten kommunaler Reparaturförderung" vom 24. und 25. Mai 2024 in Kiel diskutiert. Die vom Runden Tisch Reparatur und der Landeshauptstadt Kiel gemeinsam organisierte Veranstaltung brachte Fachpublikum der deutschen Reparaturlandschaft mit Vertreter*innen kommunaler Verwaltungen zusammen.

Das Rahmenprogramm sowie die 12 Workshops zu unterschiedlichsten Aspekten kommunaler Reparaturförderung stellten anschaulich dar, wie groß die Spielräume für Städte und Gemeinden in diesem Zusammenhang sind. Neben der Stärkung bestehender ehrenamtlicher und gewerblicher Reparatur-Infrastruktur geht es dabei auch um Beratungs- und Bildungsangebote, finanzielle Fördermaßnahmen oder Vorgaben für das öffentliche Beschaffungswesen. Die Diskussionen in den Workshops und im Plenum verdeutlichten auch die Herausforderungen und Barrieren, die eine Nutzung dieser Spielräume häufig erschweren.

Auch die Rolle der Bundespolitik wurde diskutiert, unter anderem im Rahmen der Podiumsdiskussion mit den Panelisten Andreas von der Heydt (Leiter Umweltschutzamt Kiel), Jakob Gross (Referent im Bundesumweltministerium) und Robert Jende (Soziologe, wissenschaftlicher Mitarbeiter der anstiftung). Begrüßt wurden die aus dem gesamten Bundesgebiet angereisten Gäste am Freitagmorgen von Schirmherrin Alke Voß, Stadträtin für Umwelt, Klimaschutz und Mobilität der Landeshauptstadt Kiel. Die Keynotes von Robert Jende und Runder Tisch Reparatur-Initiatorin Christine Ax führten das Publikum anschließend in die Vorstellung einer Reparaturgesellschaft ein und verdeutlichten die Notwendigkeit, nicht nur Dinge, sondern auch unsere Beziehung zu Dingen, Natur und uns untereinander zu reparieren. Am Samstag eröffnete Dörte Lienau von der Kindergärtnerei himmelgrün den Tag mit einem inspirierenden Beitrag über Umweltbildung und die nachhaltigen Auswirkungen von Kontakt mit der Natur und handwerklichen Erfahrungen auf Kinder.

Die Workshops

Der Workshop zum Thema "Reparaturbonus" bot Beiträge über unterschiedliche Bonussysteme und Realisierungs- und Planungsberichte aus Sachsen, Thüringen und Berlin sowie mögliche Softwareverwendungen. Die Teilnehmer*innen erhielten vielseitige Perspektiven aus Regionen, in denen ein Bonus bereits umgesetzt wird oder eine Umsetzung derzeit vorbereitet wird. Referent*innen des Sächsischen Staatsministeriums für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft, der Verbraucherzentrale Thüringen, der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt Berlin, der BTU Cottbus Senftenberg sowie von fixfirst beleuchteten Grundlagen zu verschiedenen Bonusprogrammen, praktische Einblicke, sowie existierende moderne Softwarelösungen und diskutierten mit den Teilnehmer*innen die Möglichkeit eines bundesweiten Bonus.

Ein weiterer Workshop behandelte die Förderung von Reparatur-Initiativen und offenen Werkstätten. Förderliche sowie hinderliche Aspekte des Verhältnisses zwischen Kommunen und ehrenamtlichen Reparatur-Initativen wurden anhand von Beispielen aus Leipzig (Café Kaputt), Böblingen-Sindelfingen (Repair Café), Wuppertal (machbar), Augsburg (das_habitat) und Kiel (Werk.Statt.Konsum) diskutiert.

Auch der Fachkräfte- und Kompetenzmangel als drängendste Herausforderung für eine zukunftsfähige Entwicklung des Reparatursektors wurde thematisiert. Vertreter*innen von Kunst-Stoffe e.V., KRIXACADEMY und dem Reparaturnetzwerk Wien / DIE UMWELTBERATUNG ermöglichten Einblicke in innovative Geschäftsmodelle für die Reparatur, Schulungsmöglichkeiten für Quereinsteiger und den Aufbau von Reparaturkompetenzen.

Die Sichtbarkeit von Reparaturangeboten und die dazugehörigen Plattformen standen im Mittelpunkt eines weiteren Workshops. Die Teilnehmenden lernten die Netzwerke Qualitätsreparatur Berlin, die Reparaturkarte von Repair Your Pair, den A-Gain Guide und MeinMacher kennen und erhielten einen Einblick in die Möglichkeiten von KI in diesem Bereich (fixfirst). Welche Plattformen Verbraucher*innen in Bezug auf Reparatur wirklich brauchen und einen sinnvollen Mehrwert bieten können, ist für das Netzwerk nach wie vor eine große Diskussionsfrage.

Orte der Transformation und ihre Bedeutung für die Stadtentwicklung waren ebenfalls ein Thema. Vertreter*innen der Bib der Dinge Bochum, des Projekts MachsGanz in München, des Projekts NiCE – from niche to centre, sowie des RessourcenZentrums Oldenburg teilten ihre Erfahrungen über den Aufbau ihrer Projekte und die Zusammenarbeit mit Stadtverwaltungen.

Lebhaft diskutiert wurde die (nicht stattfindende) Förderung von Wiederverwendung und Reparatur durch Wertstoffhöfe und die entsprechenden gesetzlichen Grundlagen. Inputs lieferten die Deutsche Umwelthilfe in Bezug auf Rechtsgrundlagen und verschiedene Positivbeispiele sowie das Reparier Café Jena zur Kooperation mit dem örtlichen Wertstoffhof. Dabei stellte sich die Frage, warum nur wenige Wertstoffhöfe bereit sind, das  Ressourcenschutzpotential, das in einer solchen Zusammenarbeit liegt, zu nutzen und welche Anpassungen der Gesetzgeber hier möglicherweise vornehmen sollte.

Die Vernetzung relevanter Stakeholder im Bereich Reparatur und die Rolle wichtiger Netzwerkorganisationen wurden ebenfalls besprochen. Der Runde Tisch Reparatur Rheinland-Pfalz, das Projekt Repair & Share Ruhr der Hochschule Bochum und der Runde Tisch Reparatur Heidelberg berichteten von ihren Erfahrungen, unterschiedliche Stakeholder auf kommunaler und regionaler Ebene zum Thema Reparaturförderung zu vernetzen sowie von ihren Plänen für die Zukunft.

Ein weiterer Workshop widmete sich der Berechnung von CO2-Einsparpotenzialen durch Reparaturen. Hier wurden Ergebnisse der Berechnungen im Rahmen des Projekts „Erweiterte ökologische Wirkungsabschätzung zum Reparaturbonus Thüringen“ (Fraunhofer IZM) vorgestellt und aktuelle Daten der Studie „Reparieren statt Wegwerfen“ der WERTGARANTIE Beteiligungen GmbH präsentiert, die die Bedeutung von gut erreichbaren Reparaturbetrieben in der Wohnumgebung unterstreichen.

Auch die Vorbildfunktion von Kommunen wurde im Workshop zum Thema Öffentliche Beschaffung thematisiert. Die Referent*innen der AfB gGmbH und der Kompetenzstelle nachhaltige Beschaffung und Vergabe Schleswig-Holstein wiesen auf die Möglichkeiten hin, ausgemusterte Geräte in eine weitere Nutzung zu geben und welche Rolle Lebenszykluskosten bei der Entscheidung für Vergaben spielen sollten.

Die Bedeutung von Reparaturbildung für die Zukunft der Reparatur war das zentrale Thema eines weiteren Workshops am Samstag. Es wurde diskutiert, wie transformative Lernprozesse gestaltet werden können, welche Workshops das Interesse der Kinder und Jugendlichen am Reparieren wecken und wie Schulen sowie informelle Angebote dabei behilflich sein können. Inputs lieferten Vertreter*innen der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, des Reparaturbildung-Projekts der BTU Cottbus Senftenberg, der Gesellschaft für Ausbildungsforschung und Berufsentwicklung München eG und des Ressourcenzentrums Oldenburg.

Ein weiterer Workshop widmete sich der Unterstützung von Werkstätten, sowohl aus der Perspektive der Schuh-Reparaturlandschaft (Repair Your Pair) als auch aus dem Bereich Elektrogeräte (Vangerow GmbH).

Die Verankerung von Reparatur in kommunalen Strategien wurde ebenfalls thematisiert. Im Rahmen der Inputs wurde auf den Weg Kiels zur Zero Waste City geblickt, das Local Green Deal-Projekt der Stadt Mannheim vorgestellt und berichtet, wie die Stadt Stuttgart daran arbeitet, Kreisläufe zu schließen. Die Erfahrungen und Ansätze der Städte wurden ausführlich diskutiert.

Festival „Kiel repariert!“

Über 100 Gäste aus ganz Deutschland konnten im Rahmen der Konferenz neue Ideen für eigene Projekte sammeln, sich vernetzen, innovative Projekte kennenlernen und ihr praktisches Reparaturwissen im Reparaturparcours testen. Praktisch ging es auch im Anschluss weiter: Am 25. Mai startete ab dem Mittag das erste Kieler Reparaturfestival “Kiel repariert!”. Die Konferenzteilnehmenden konnten sich, ebenso wie die Kieler Bürger*innen, praktisch an verschiedenen Standorten im Kieler Stadtgebiet ausprobieren:

  • Bereits einige Tage vor dem Festival wurde in der Stadtbücherei ein Büchertisch mit Fachliteratur organisiert.
  • Bei der Schevenbrücke stand am Festivaltag die Installation „Heinzungstraube“ von Heinrich Jung, um zu demonstrieren, wie viele Ressourcen durch Reparatur gespart werden können.
  • In der Stadtbücherei und in der Förde-VHS lernten die Besucher*innen Tricks zur Reparatur von Kleidung.
  • Im Nachhaltigkeitszentrum zeigte der Computerclub Klausdorf, dass die Reparatur und der Umbau von alten PCs gar nicht so schwer sind, wie es scheint.
  • Im FabLab Kiel konnte man etwas lasern oder einen 3D-Druck starten.
  • In der HolzWerkZeit & Radwerkstatt konnte man Kellerfunden neues Leben einhauchen und das eigene Fahrrad sommerfit machen.
  • In der Alten Mu bot Werk.Statt.Konsum Führungen durch die Räumlichkeiten und die Möglichkeit, Möbel zu reparieren.
  • Im Garten der Alten Mu beschäftigten sich die Gäste unter der Anleitung von Samantha Galley (Repair Your Pair) fleißig mit Schuhreparaturen.
  • Löten für Erwachsene und Kinder konnte man in einem Workshop in der Förde-VHS erlernen.
  • Der Reparaturparcours von MachsGanz zog im Pop-up Pavillon viele Besucher*innen an.
  • Lars Gauster parkte sein Reparaturmobil auf dem Klaus-Exner-Platz und reparierte den ganzen Tag alte Schätze. Ein Videobeitrag von Kabel 1 von der Aktion folgt!

Das Reparaturfestival wurde von den Bürger*innen sehr gut angenommen, mehrmals wurde der Wunsch nach einer regelmäßigen Wiederholung der Veranstaltung geäußert. Zwar gibt es noch keinen konkreten Plan für ein zweites Reparaturfestival, die Kieler Reparatur Café Szene wird aber voraussichtlich bald um einen Akteur reicher.

Ausblick

Die Veranstaltungen in Kiel waren der erste Meilenstein und Höhepunkt des Reparaturstadt-Projekts des Runden Tisch Reparatur. Die in den Workshops diskutierten Maßnahmen werden in den kommenden Monaten aufbereitet und in Form eines Leitfadens für kommunale Reparaturförderung nutzbar gemacht. Parallel wird der Runde Tisch Reparatur den Austausch zwischen engagierten Kommunen und kommunal aktiven Initiativen weiter in Form von Online-Austauschformaten ermöglichen und über Entwicklungen zum Thema Kommunale Reparaturförderung im Projektnewsletter informieren. Hier geht es zur Newsletter-Anmeldung.

Wir freuen uns sehr über die vielen Gäste der Konferenz und des Festivals in Kiel und bedanken uns nochmals bei allen Referent*innen, den Festivalbeitragenden und der Landeshauptstadt Kiel als Co-Organisatorin sowie dem Umweltbundesamt als Fördermittelgeber und den Sponsoren und Spendern der Veranstaltung fixfirst, WERTGARANTIE, Blitzblume Ingelheim und Vangerow GmbH.

 

Dieses Projekt wird gefördert durch das Umweltbundesamt und das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz. Die Mittelbereitstellung erfolgt auf Beschluss des Deutschen Bundestages.

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