Jobmotor Reparatur: Wie wir unsere Wirtschaft im wahrsten Sinne des Worte reparieren können

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Reparieren schont nicht nur Ressourcen und schützt das Klima, sondern bietet auch ein riesiges Job-Potential. Eine neue Studie der Global alliance for incinerator alternatives (Globale Allianz für Alternativen zu Müllverbrennungsanlagen, GAIA) berechnet, dass pro 10.000 Tonnen Material 200 mal mehr Arbeitsplätze im Reparaturbereich als in der Mülldeponierung oder -verbrennung geschaffen werden könnten. Abfallvermeidungsstrategien seien in der Lage, zur wirtschaftlichen Erholung nach der Pandemie beizutragen und könnten gleichzeitig dabei helfen, soziale, ökologische und abfallwirtschaftliche Ziele zu erreichen.

Der Runde Tisch Reparatur fordert deshalb, beim Verteilen der Gelder aus Wiederaufbaufonds Reparatur besonders zu berücksichtigen und zu fördern. Das heißt: Die Gelder müssen dafür genutzt werden, die Rahmenbedingungen für Reparatur und andere Abfallvermeidungsmaßnahmen zu verbessern. Dies kann zum Beispiel durch eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Reparaturdienstleistungen, Ersatzteile und Gebrauchtwaren, öffentlichkeitswirksame Kampagnen für die Ausbildung in Reparaturbetrieben und für das Reparieren von Produkten sowie finanzielle Anreizsysteme wie Reparaturboni geschehen.

Die Ergebnisse der Studie

Die Studie berechnet das Arbeitsmarktpotential verschiedener Abfallvermeidungsmaßnahmen, also Reparatur, Wiederaufbereitung und Recycling. Dabei kommt sie zu dem Schluss, dass die Umleitung von 80 Prozent der wiederverwertbaren und kompostierbaren Abfälle von der Deponierung und Verbrennung hin zu Abfallvermeidungsmaßnahmen zu einer großen Zahl neuer lokaler Arbeitsplätze führen würde.

Wir können nicht zu einer Welt zurückkehren, in der Ressourcen verschwendet werden, in der einkommensschwache und ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen ausgebeutet werden und in der umweltverschmutzende Industrien unerbittlich Ressourcen verschwenden und entsorgen.

Die Daten für die Studie stammen aus einer Vielzahl von Quellen aus 16 Ländern auf der ganzen Welt. Trotz der unterschiedlichen geografischen und wirtschaftlichen Bedingungen kommen die Studienersteller*innen für alle untersuchten Städte zum gleichen eindeutigen Ergebnis: Reparatur und andere Abfallvermeidungsansätze schaffen ein Vielfaches mehr an Arbeitsplätzen als Entsorgungssysteme, die primär Abfall verbrennen oder deponieren. Demnach sei das Jobpotential in der Abfallhierarchie oben am höchsten und unten am niedrigsten. Die Abfallhierarchie stellt die Vermeidung von Abfällen als erste Priorität dar. Danach sollen Reparatur, Recycling, (energetische) Verwertung und Beseitigung (in dieser Reihenfolge) in Betracht gezogen werden.

Die besten Strategien zur Schaffung von Arbeitsplätzen sind genau diejenigen, die die besten Umweltergebnisse liefern, während die umweltschädlichsten Maßnahmen die wenigsten Arbeitsplätze schaffen.

Unter Reparatur fallen in der Studie Aktivitäten, die in der Sammlung, Aufbereitung den Wiederverkauf von langlebigen Gütern wie Möbeln oder Elektronik bestehen. Da beim Reparieren häufig schwer wiederverwertbare oder sperrige Gegenstände wie Fahrräder, Möbel, Kleidung, große Haushaltsgeräte oder Computer gar nicht erst in den Abfallstrom gelangen, spielt die Reparatur für Abfallvermeidungsstrategien eine besonders wichtige Rolle. GAIA geht davon aus, dass im Reparatursektor im Durchschnitt 404 Arbeitsplätze pro 10.000 Tonnen Material im Jahr (TPY) geschaffen werden können. Das sind pro TPY 200 mal mehr Arbeitsplätze als in der Deponierung oder Verbrennung von Abfällen. Dass das Potential so groß ist, liegt vor allem an der hohen Arbeitsintensität, die für die Aufarbeitung und Reparatur erforderlich ist. Auch über die Zahl der Arbeitsplätze hinaus bietet der Reparatursektor wichtige Möglichkeiten für die Entwicklung von Fähigkeiten: GAIA zitiert eine Reihe von Studien, die zahlreiche soziale Vorteile nennen, wie z.B. die Möglichkeit der Freiwilligenarbeit und Berufsausbildung durch viele gemeinnützige Organisationen, die in diesem Sektor tätig sind, zudem niedrige wirtschaftliche und technische Eintrittsbarrieren, Autonomie für kleine Unternehmen und die Verfügbarkeit von preisgünstigen, reparierten Waren für Verbraucher*innen mit geringem Einkommen.

Die hier skizzierte Forschung unterschätzt vielleicht sogar die Bedeutung des Reparatursektors als Teil einer gesunden Wirtschaft. Eine 2017 durchgeführte Analyse des Reparatur- und Wiederverwendungs sektors in Maine, USA, zeigt, dass die Branche während der Wirtschaftskrise 2008/2009 und nach der Erholung der Wirtschaft weiter wuchs. Das Beschäftigungswachstum in der Zeit betrug 6,5 Prozent, verglichen mit dem Durchschnitt des Bundesstaates von 1,1 Prozent. Die Literatur deutet stark darauf hin, dass ein Reparatursektor, der verhindert, dass Abfall erst gar nicht recycelt, deponiert oder verbrannt werden muss, viele Möglichkeiten für Arbeitsplätze bietet und – was vielleicht noch wichtiger ist – eine Quelle wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit darstellt.

Umwelt- und Wirtschaftsziele stehen sich hier also nicht entgegen, sondern ergänzen sich gegenseitig. Investitionen in den Reparatursektor können demnach als Investitionen in die lokale und globale Widerstandsfähigkeit betrachtet werden.